Reutlinger Generalanzeiger
Samstag, 07. Oktober 2017

MÜNSINGER ZEITZEUGEN – »Über die Dörfer – alb: hören« konserviert Begebenheiten und Erfahrungen in einer Hörskulptur und setzt Geschichten, Mythen und Sagen ganz neu in Szene Die Hörstation auf dem Münsinger Rathausplatz ist eröffnet. Mit dabei waren (von links) Bürgermeister Mike Münzing, Harry Kraft, Christl Wenzel, Tilman Neuffer, Stadtarchivar Yannik Krebs, Elisabeth Kraft, Hans Winkler und Hans-Jörg Thiemann. FOTO: BLOCHING

 

Hörstation eröffnet: »Über die Dörfer
– alb: hören«

VON MARIA BLOCHING
MÜNSINGEN. »Hosch scho ghört, was dr Karle ond d’Emma zom erzähla hend?« – die Alb lebt von der Kommunikation und von Geschichten, die zunächst nur gesprochen, später niedergeschrieben wurden. »Des sot ma aufschreiba«, hört Bürgermeister Mike Münzing immer wieder, wenn er zu Jubilaren kommt. Früher wurden diese Geschichten in der guten Tradition der Lichtstuben weitergegeben, heute braucht es Projekte wie »Über die Dörfer – alb: hören« des Landestheaters Tübingen, um die Erlebnisse und
Eindrücke von Zeitzeugen zu konservieren. Auf dem Münsinger Rathausplatz wurde nun
die erste Hörstation eröffnet.

Große Auskunftsfreude

Mit ihrem Unternehmen »Volksbaustelle« waren Dramaturg Tilman Neuffer und Künstler Hans Winkler seit dem Frühjahr auf der Alb unterwegs. Sie wohnten in den Gemeinden, führten Gespräche und wurden in Erinnerungen einbezogen. »Die Bereitschaft der Menschen, mit uns zu sprechen, war sehr groß. Wir sind hingegangen, haben zugehört und schließlich versucht, historische und persönliche Begebenheiten zu mischen«, beschreibt Neuffer.

An 15 Orten auf der Mittleren Alb, der Zollernalb und in Heimatmuseen haben die beiden sich umgehört und waren erstaunt, wie viele Geschichten und Anekdoten im Umlauf sind. Sie sollen nun der Nachwelt hörbar erhalten bleiben. Lustige und tragische Geschichten – zum Teil auf historischen Aufnahmen basierend und hier und da schon schriftlich fixiert – wurden ebenso aufgezeichnet wie bekannte und unbekannte Anekdoten, die aus mehreren Perspektiven wiedergegeben wurden.

»Faszinierend ist, dass man nie genau weiß, was Wahrheit oder Geschichte ist«, so Neuffer. Besonders zu Buttenhausen sind viele persönliche und historische Details zusammengekommen. Ulrich Krehl erzählt über das »Schweigen während der Nazizeit«. Auf Plakaten sei zu lesen gewesen: »Hunde und Juden haben hier keinen Zutritt«. So sind die Erzählungen eng mit den Menschen, mit der regionalen Geschichte, der jeweiligen Zeit und einem besonderen Ort verbunden.

25 Originaltönen kann man nun zunächst an dieser Münsinger Station auf dem Rathausplatz nachhören, in einigen Monaten treten andere Geschichten an ihre Stelle. Die Geschichten sollen wandern: zunächst zur Zehntscheuer und nach Buttenhausen, dann nach Hossingen und Jungingen, die ebenfalls am Projekt teilnahmen. Allein aus Münsingen hatten 13 Bürgerinnen und Bürger Interessantes, Wissenswertes,
Erschütterndes und Lustiges zu erzählen, darunter auch Elisabeth Kraft, die 1926 in Münsingen geboren wurde und aus einem reichen Lebensfundus berichten konnte.

Wasserzins und Hasenrupfer

Aus ihrer Hand stammen Originalaufnahmen aus dem Jahr 1961 über die Herkunft des »Münsinger Hasenrupfers«. Es gibt Geschichten über den Truppenübungsplatz, den Wasserzins, die Jugend im Krieg oder den Buttenhausener Synagogenbrand, bedrückende Beschreibungen über Flucht und Rückkehr, Deportationen jüdischer Bewohner aus Buttenhausen oder auch amüsante Erinnerungen an die Konfessionsunterschiede von »Wüst- und Rechtgläubigen«, an die Sünde des Tanzes oder die notwendigen Knickse und Verbeugungen vor dem Schulrat. Die Höreindrücke nehmen den Zuhörer mit auf eine Reise in eine andere Welt zu einer anderen Zeit. (GEA)

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